Montag, 7. januar 2008
Ich war selber ganz erstaunt zu erfahren, dass ich seit Neuestem zu einer regelrechten Trendgruppe gehöre. Als ich im Frühjahr 2005 Deutschland verlassen habe, um in anderen Ländern Europas zu leben, da war mir nicht bewusst, dass sich schon kurze Zeit später die privaten Fernsehsender darum reißen würden, Berichte über Menschen zu veröffentlichen, die aus Deutschland ausgewandert sind, um an anderen Orten ihr Glück zu suchen.

Da ich die ganze Zeit über per Satellit mit der deutschen Medienlandschaft Verbindung gehalten habe, ist mir dies aber nicht lange unbekannt geblieben und spätestens seit ich dieses arme Paar per TV kennen gelernt habe, die versehentlich nach Paraguay ausgewandert sind (ich bin noch immer vollkommen sicher, dass diese Länderwahl die Folge einer Verwechslung gewesen ist...die beiden wussten wahrscheinlich nur noch, dass das Land mit einem P beginnt, wie Portugal oder Polen), da konnte ich nicht mehr aufhören, die Berichte über frische Kanadier, Texaner, Spanier und Südafrikaner anzuschauen und mit meinem eigenen Schicksal zu vergleichen.

Über Umwege hat es mich übrigens nach Kreta verschlagen und um mir auch sofort das volle Programm zu gönnen, betreibe ich in einem winzigen Fischer-Urlaubs-Ort (nein, das bedeutet nicht, dass hier Fischer Urlaub machen, sondern lediglich, dass den Urlaubern erzählt wird, es handle sich um ein originales Fischerörtchen, was immer das bedeuten mag...)ein Lokal, genauer gesagt eine Bar im Zentrum und das ist eine harte Sache.

Ich bin gespannt, wann es Fernsehserien geben wird, die "Welcome Back Deutschland" heißen und ich kann nicht ausschließen, dass ich da dann gerne dabei wäre. Sie denken jetzt, mein Missmut hätte etwas mit den griechischen Ureinwohnern, der Bürokratie, der Hitze, der Kälte oder dem Verzicht auf Leberwurst zu tun? Sie denken, dass Lokal würde nicht gut laufen, weil ich sowas vorher noch nie gemacht habe und mir alles zu einfach vorgestellt habe?

Weit gefehlt: Die Griechen sind super, das Wetter gefällt mir, das Lokal läuft wunderbar, ich hatte nur nicht berücksichtigt, dass ich nicht der Einzige bin, der auf den Gedanken gekommen ist, hierhin auszuwandern. Ich bin von Deutschen, Belgiern, Holländern, Engländern und Menschen undefinierbarer Nationalität umgeben und weil wir halt alle Ausländer sind, glauben sie, sie müssten, wenn immer das Lokal geöffnet ist, an meiner Theke stehen und mir Sachen erzählen, die mich nicht im Geringsten interessieren.

Wollen Sie wissen, was Doris letztens gesagt hat? Na klar wollen Sie und das Sie noch nicht wissen, wer Doris ist, spielt eine untergeordnete Rolle. Doris steht auf jeden Fall an der Theke und wird gefragt, wie es ihr denn als Deutsche hier in Griechenland so gefallen würde. Sie überlegt kurz und antwortet dann, dass es eigentlich ganz okay wäre, nur die vielen Ausländer würden sie stören. Ihr Gesprächspartner schaut sie etwas irritiert an, ob der Tatsache, dass sie doch selber Ausländerin ist. Sie errät seine Gedanken und erläuert freundlich, dass sie damit natürlich nicht die Deutschen auf Kreta, sondern die Kreter auf Kreta meinen würde. Kennzeichen für Ausländertum sind für Doris nunmal dunkle Haare, Bärte, gebrochenes Deutsch und Vorlieben für die südeuropäische Küche.

Ein anderes Beispiel: Ich sitze letztes Ostern in einer Taverne und esse gemeinsam mit einer Freundin. Am Nebentisch sitzt eine von diesen deutschen Griechenland-Touristinnen, für die der "traditionelle" griechische Tanz (haha) erfunden wurde, also rot gefärbte Haare über natürlich gealtertem Gesicht, wallende Gewänder mit Öffnungen an unerwarteten Stellen und behangen mit "orginalem" Schmuck (ach, Griechenland, Du Land des Goldes und Silbers), dessen Verpackung noch vor wenigen Tagen beim Zoll in Athen in der Abteilung Fernost von Drogenhunden beschnüffelt wurde. Ich schweife ab - also ich meine eine einzeln reisende Touristin aus Deutschland, Mitte 50, die von einem ungestümen Manolis oder Vassilis träumt, stattdessen dann mit einem 70jährigen Dimitris an einem Tisch landet und eine gemeinsame Mahlzeit einnimmt, von der sie nicht bemerkt, dass sie mit der Bezahlung für alle Griechen im Lokal bezahlt hat. Sie isst auf jeden Fall mit Dimitris einen Fisch. Einen gegrillten Fisch, den sie mit ihren brüchigen aber lackierten Fingernägeln versucht zu zerlegen. Sie schaut dann erst ganz lange den Fisch an, dann Dimitris, dann wieder den Fisch, dann schaut sie dahin, wo sie die Sonne vermutet und die Weite der Welt, genauer gesagt also mitten in die flackernde Neonröhre, die die Spelunke notdürftig erhellt, seufzt, schaut wieder Dimitris an und sagt wortwörtlich: "In Germany the Fish has Gräten".

Wollen Sie weiterlesen? Dann will ich Ihre Kommentare!
von Goodbye Deutschland
Kommentar hinzufügen Kommentare (0)    Trackback erstellen empfehlen

Über diesen Blog

Archiv

Empfehlen

Klicken Sie hier, um diesen Blog weiterzuempfehlen.
Erstellen Sie einen Blog auf de.over-blog.com - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Werbung - Missbrauch melden